Beim Katholikentag diskutierten DAHW, KAAD und medmissio am Freitag, 15. Mai im CCW über Globale Gesundheit – und darüber, warum Forschung, Bildung und Solidarität keine schönen Zusatzworte sind, sondern Überlebensfragen.
Globale Gesundheit sitzt im Raum
Wer hatte die weiteste Anreise nach Würzburg? Ghana? Kenia? Indonesien? Gleich zu Beginn des Podiums „Globale Gesundheit: eine Frage der Gerechtigkeit?“ wurde im Congress Centrum Würzburg spürbar, worum es an diesem Nachmittag ging: Globale Gesundheit ist kein abstraktes Thema für Konferenzmappen. Sie sitzt im Raum. Sie hat Gesichter, Sprachen, Wege, Brüche, Hoffnungen.
Veranstaltet wurde das Podium von DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe, KAAD und medmissio – Institut für Gesundheit weltweit. Auf dem Podium saßen Felicitas Schwermann, Ärztin und Beraterin für Globale Gesundheit und Forschung bei der DAHW, Dr. Georg Kippels MdB, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Dr. Fabiana Faleiros Castro, Pflege- und Rehabilitationswissenschaftlerin und ehemalige KAAD-Stipendiatin aus Ribeirão Preto in Brasilien, sowie Prof. Dr. August Stich, Infektiologe, Tropenmediziner und Vorsitzender von medmissio. Moderiert wurde die Diskussion von Luzius Zöller.
Bildung verändert Lebensgeschichten
Den eindrücklichsten Auftakt setzte Fabiana Faleiros Castro. Sie erzählte nicht zuerst von wissenschaftlichen Projekten, sondern von ihrer Familie. Von Eltern, die selbst kaum Bildungschancen hatten. Von einem Vater, der nur wenige Jahre zur Schule ging. Von einer Mutter mit Grundschulbildung. Und von einer Tochter, die als erste in ihrer Familie eine Universität besuchte. Bildung, sagte sie sinngemäß, habe nicht nur ihr eigenes Leben verändert, sondern die Geschichte ihrer ganzen Familie.
Mit einem KAAD-Stipendium kam sie nach Deutschland, promovierte an der Technischen Universität Dortmund und kehrte später als Professorin an die Universität São Paulo zurück. Forschung sei für sie nie bloß Wissensproduktion gewesen, sondern der Versuch, Wissen in gesellschaftliche Wirkung zu verwandeln. Besonders persönlich wurde dieser Weg, als bei ihrem Sohn Autismus festgestellt wurde. Aus Forschung wurde Berufung: Bildung, Gesundheit und Inklusion sollten nicht Privilegien bleiben, sondern Menschen erreichen, die sonst übersehen werden.
Forschung darf nicht im Labor stecken bleiben
Damit war der Ton gesetzt. Es ging um Forschung – aber nicht um Forschung im Elfenbeinturm. Dr. Georg Kippels beschrieb, wie sich das Feld der Globalen Gesundheit in den vergangenen Jahren verändert habe. Früher habe man bei vernachlässigten Tropenkrankheiten häufig vor allem versucht, Symptome zu behandeln. Heute gehe es stärker darum, Zusammenhänge früher zu erkennen: durch bessere Diagnostik, durch Therapie, durch Bildung und durch das Verstehen von Lebensbedingungen. Klima, Wasser, Luft, Ernährung, Übertragungswege – all das gehöre zusammen.
Felicitas Schwermann machte deutlich, warum Krankheiten wie Lepra bis heute zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Vernachlässigte Krankheiten seien nicht zufällig vernachlässigt. Sie träfen oft Menschen, die arm seien, weit entfernt von medizinischer Infrastruktur lebten und keine starke Lobby hätten. Genau deshalb spielten Organisationen wie die DAHW eine wichtige Rolle: in Forschungskooperationen, bei der Impfstoffentwicklung, beim Aufbau lokaler Netzwerke und bei der Stärkung von Fachkräften vor Ort.
Prof. August Stich weitete den Blick. Bei vernachlässigten Krankheiten fehle oft nicht nur ein Medikament. Das Problem liege tiefer. Menschen würden krank, weil Armut, fehlende Bildung, schlechte Lebensbedingungen und mangelnder Zugang zur Gesundheitsversorgung zusammenwirkten. Ein neues Medikament allein löse diesen Knoten nicht. Forschung müsse deshalb stärker in Kommunikation übersetzt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssten die Menschen erreichen – verständlich, glaubwürdig und nah an ihrer Wirklichkeit.
Gerade für diese klaren, unbequemen Sätze bekam Stich auffallend viel Applaus. Nicht, weil sie bequem waren. Sondern weil sie trafen.
Wenn Zugang zur Gesundheitsfrage wird
Gerade dort, wo Misstrauen wächst, wird das entscheidend. Faleiros Castro berichtete von Brasilien, wo soziale Medien während und nach der Pandemie auch Falschinformationen über Gesundheit und Impfungen verbreitet hätten. Digitalisierung sei trotzdem keine Gefahr, der man ausweichen könne. Sie sei notwendig – gerade für verletzliche Gruppen, für Menschen mit Behinderung, für Familien, für Regionen, in denen Wissen sonst kaum ankommt. Entscheidend sei, wer sie mit welchen Inhalten füllt.
Beim Thema Gerechtigkeit wurde die Diskussion besonders konkret. Schwermann schilderte, was Lepra für Betroffene bedeuten kann: lange Wege bis zur nächsten Gesundheitsstation, fehlend geschultes Personal, späte Diagnosen, Behinderungen, Ausgrenzung. Stigma sei bei Lepra tief verwurzelt – religiös, kulturell, gesellschaftlich. Aufklärung könne Angst nehmen und Menschen ermutigen, Hilfe zu suchen. Doch Gerechtigkeit bedeute mehr als Information. Sie bedeute erreichbare Gesundheitsdienste, gut ausgebildete Fachkräfte und den Abbau diskriminierender Strukturen.
Stich erinnerte daran, dass Ungerechtigkeit nicht nur „woanders“ stattfindet. Auch in Deutschland gebe es Menschen, die keinen gleichwertigen Zugang zur medizinischen Versorgung hätten – etwa Geflüchtete, deren rechtlicher Status, Unterbringung oder Versicherungssituation Versorgung erschwere. Besonders eindrücklich beschrieb er die katastrophale Situation, wenn Menschen in Gemeinschaftsunterkünften leben, aber faktisch kaum an eine funktionierende Krankenversicherung oder eine abrechenbare Behandlung zeitnah kommen. Krankheit wird dann nicht zuerst medizinisch behandelt, sondern durch Zuständigkeiten, Wartezeiten und Papiere verschleppt.
Auch Geflüchtete aus der Ukraine erwähnte Stich als Beispiel: Sie würden zwar grundsätzlich in das Sozialsystem aufgenommen, doch bis die Versichertenkarte tatsächlich vorliege, könnten Wochen vergehen. In dieser Zwischenzeit finde Versorgung oft nicht statt, weil Ärztinnen und Ärzte ohne Behandlungsschein nicht abrechnen könnten. Wer über globale Gerechtigkeit spreche, so seine Botschaft, müsse auch vor der eigenen Haustür hinschauen.
Politisch, so Kippels, brauche es dafür mehr als Geld. Natürlich seien Mittel wichtig. Aber Gesundheitssysteme würden nicht allein durch Finanzströme gerecht. Es brauche Frieden, funktionierende multilaterale Zusammenarbeit, demokratische Verantwortung und die Bereitschaft, Wissen zu teilen. Internationale Organisationen wie die WHO stünden unter Druck, globale Solidarität sei politisch angekratzt. Gerade deshalb müsse Gesundheit als gemeinsames Gut verteidigt werden.
Solidarität ohne Hierarchie
Am Ende führte die Diskussion zum Leitwort des Katholikentages zurück: „Hab Mut, steh auf.“ Was heißt Mut in der Globalen Gesundheit? Für Faleiros Castro heißt es: Kooperation ohne Hierarchie. Nicht der globale Norden erklärt dem globalen Süden die Welt, sondern Menschen teilen Wissen auf Augenhöhe. Auch indigenes Wissen, lokale Erfahrung und gelebte Praxis müssten ernst genommen werden.
Kippels sprach vom Mut, Kräfte zu bündeln, auszuprobieren, auch einmal zu scheitern und trotzdem weiterzugehen. Schwermann warnte davor, sich von kleiner werdenden Handlungsspielräumen entmutigen zu lassen. Gerade jetzt dürfe Entwicklungszusammenarbeit nicht in einfache, schnelle Antworten flüchten. Und Stich setzte einen grundsätzlichen Schlusspunkt: Eine wirklich mutige Entscheidung wäre es, sich vom Glauben an grenzenloses Wachstum zu verabschieden. Suffizienz sei kein Verlust, sondern könne ein Gewinn sein – die Frage, was genug ist für ein gutes Leben.
Ein Auftrag, der bleibt
So blieb von diesem Podium mehr als eine Reihe kluger Beiträge. Es blieb ein Auftrag. Globale Gesundheit beginnt dort, wo Menschen nicht länger unsichtbar bleiben. Sie wächst, wo Forschung zuhört, Bildung Türen öffnet, Politik Verantwortung übernimmt und Solidarität nicht von oben herab spricht, sondern auf Augenhöhe handelt.
Oder anders gesagt: Wer von Gerechtigkeit redet, darf Gesundheit nicht dem Zufall, dem Markt oder der Herkunft überlassen. Und wer „Hab Mut, steh auf“ ernst nimmt, muss genau dort aufstehen, wo Menschen krank werden, weil andere wegsehen.
Kai Fraass

Alle Fotos: Kai Fraass